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Saturday, July 5 • 10:30 - 11:30
Was ist uns Recherche wert? - USA und Deutschland im Vergleich

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Brandon Mitchener, der für das Wall Street Journal und die International Herald Tribune aus Brüssel und Deutschland berichtete, sagte: Sehr viele Zeitungsartikel in Deutschland enthielten „keine eigene Recherche, sondern sind weitgehend unkritisch. Mit wenigen Ausnahmen halte ich die Journalisten für zu passiv und vielleicht auch etwas faul.“ Das ist etliche Jahre her, Mitchener berichtete von 1990 bis 2004 als Korrespondent. Seine Kritik trifft aber immer noch auf viele Artikel zu, abzulesen an der großen Menge an Veröffentlichungen, die fast ausschließlich auf PR-Mitteilungen oder einer einzigen Quelle basieren, auch bei seriösen Zeitungen. In den USA dagegen sind Ein-Quellen-Geschichten ein Tabu. Gleiches gilt für die Autorisierung von Interviews und Zitaten: eine Unsitte in Deutschland, die PR fördert und die man in den USA nicht kennt oder zumindest stärker ablehnt und bekämpft. Das bedeutet aber nicht, dass in den USA alles besser ist. Wo gibt es Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede im Stellenwert der Recherche? Traditionell hat die Recherche in den USA einen höheren Stellenwert. Dort entwickelte sich der investigative Journalismus vor über 100 Jahren und erlebte als Muckracking (im Dreck wühlen) eine Blütezeit – und das zu einem Zeitpunkt als bei uns vor allem der Meinungsartikel hoch gehalten wurde. Die Devise des New Yorker Verlegers Joseph Pulitzers lautete: „Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen.“ Enthüllungen von Kriegsverbrechen im Vietnam-Krieg durch Sy Hersh und illegales Abhören durch Präsident Richard Nixon durch Bob Woodward und Carl Bernstein haben diese Tradition in den 60er und 70er Jahren belebt. Der investigative Journalist avancierte zum Mythos und Filmhelden. Fortan leisteten sich vereinzelt auch Lokal- und Regionalzeitungen aufwendige Recherchen. In Deutschland dagegen war der Reporter lange Zeit vor allem als Schönschreiber von Reportagen angesehen, nicht aber als Aufdecker von Missständen, nicht als Wachhund und Kontrolleur der Mächtigen. Der Spiegel und einzelne TV-Magazine hatten Jahrzehnte fast ein Monopol auf Recherche und investigative Recherche. Mehr noch: In Deutschland hielt man Günter Wallraff und seine Undercover-Recherchen für die hohe Kunst der Recherche. Dabei ist das nur eine – wenn auch wichtige - Variation der Recherche. Überspitzt formuliert: Investigative Recherche schien hierzulande fast eine Abart oder Verirrung und nicht eine Notwendigkeit und hohe Kunst des Journalismus zu sein. Hartnäckige Recherche im Lokalen war und ist die absolute Ausnahme.
 Der Unterschied in den USA und Deutschland zeigte sich schon bei der Ausbildung: Während in den USA Reporting & Writing als Grundkurs an Journalistenschulen gelehrt wurde, ging es hierzulande lange Zeit vor allem um das Schreiben. Der Begriff des Reporters ist in den USA stärker verwurzelt und mit ihm der Gedanke, dass Recherche der Kern des Journalismus ist. Nicht umsonst spricht man in den USA vom investigative reporting und nicht so sehr von investigative journalism. Der Verband IRE Investigative Reporters & Editors betont diesen Aspekt schon im Namen. Der Verband wurde 1975 gegründet, 26 Jahre vor Netzwerk Recherche – ein Zeichen, dass Entwicklungen aus den USA zeitlich verzögert bei uns eintreten. Während investigative Journalisten bei uns noch introvertierte Einzelkämpfer waren, tauschten sich Reporter in den USA aus.
Das gilt für rechtliche, aber auch handwerkliche Entwicklungen  im Medienbereich. Lange vor dem Informationsfreiheitsgesetz gab es in den USA den Freedom of Information Act, der Journalisten immer wieder wichtige Informationen gab. 20 Jahre bevor bei uns Datenjournalismus bekannt wurde, gab es in den USA bereits CAR Computer-assisted-reporting; gleiches gilt für eigene Teams für Recherche und darauf spezialisierte Redaktionen. Trotz oder wegen der ökonomischen Krise haben sich in den USA viele gemeinnützige Initiativen für Recherchejournalismus im Stile von ProPublica gegründet – diese Entwicklung steht bei uns noch aus. In den USA haben Journalisten aufgrund der gesetzlichen Regelung (Recht auf Öffentlichkeit geht vor Recht auf Privatsphäre) immer noch mehr Möglichkeiten, bei gerichtlichen Klagen und juristischen Auseinandersetzungen an umfangreiche Eingaben und Protokolle zu kommen. Jedoch nimmt der Stellenwert der Recherche in Deutschland seit einigen Jahren zu. Fragen des Handwerks, vor denen wir uns gestellt sehen, gleichen sich in beiden Ländern an, nicht zuletzt aufgrund der Zusammenarbeit bei globalen Recherchen (off shore leaks). Das macht den Blick in die USA für uns so interessant und lehrreich.


Moderatoren
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Brigitte Alfter

Editor Europe, Journalismfund.eu
Journalist in Europe | | Co-founder of Journalismfund.eu, Dataharvest.eu, Wobbing.eu, Farmsubsidy.org, I-Scoop.org | | Member of www.icij.org, www.fuj.dk, www.netzwerkrecherche.de, www.journalistforbundet.dk | | Blogging at www.journalisten.dk | | Former Brussels correspondent at www.information.dk | | Read more on www.alfter.dk

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Monika Bäuerlein

CEO, Mother Jones
Monika Bäuerlein is CEO of Mother Jones. Previously, she served as co-editor with Clara Jeffery, who is now editor-in-chief. Together, they spearheaded an era of editorial growth and innovation, marked by two National Magazine Awards for general excellence, the addition of a 12-person Washington Bureau, and an overhaul of the organization’s digital strategy that grew MotherJones.com's traffic more than tenfold. She has... Read More →
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Seymour Hersh

Seymour M. Hersh wrote his first piece for The New Yorkerin 1971 and has been a regular contributor to the magazine since 1993. His journalism and publishing awards include a Pulitzer Prize, five George Polk Awards, two National Magazine Awards, and more than a dozen other prizes for investigative reporting. As a staff writer, Hersh won a National Magazine Award for Public Interest for his 2003 articles “Lunch with the Chairman,&rdquo... Read More →
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Andrew Lehren

Investigative Reporter, The New York Times
Andrew W. Lehren is a reporter at The New York Times, and has worked on a range of national, international, and investigative stories. He was one of the newspaper’s lead reporters analyzing the Wikileaks trove of diplomatic cables, Afghanistan and Iraq war logs, and Guantanamo detainee dossiers. Highlights from those stories were compiled into a bestselling book, “Open Secrets.” He contributed to the Pulitzer Prize-winning... Read More →
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Georg Mascolo

Leiter, Rechercheverbund SZ, WDR und NDR
Georg Mascolo, geb. 1964, begann 1988 bei SPIEGEL TV und wechselte 1992 zum Nachrichtenmagazin Der Spiegel, wo er stellvertretender Leiter des Berliner Büros wurde. Mit seinen Recherchen beispielsweise über die „Plutonium-Affäre“ wurde er zu einem der bekanntesten investigativen Journalisten. 2004 Korrespondent in Washington und 2007 Leiter des Hauptstadtbüros. Mascolo war seit 2008 einer der beiden... Read More →


Saturday July 5, 2014 10:30 - 11:30
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